Umgebindehaus aus dem 17./18. Jh.
im Landkreis Görlitz

Schäden an der Baukonstruktion:

Neben den üblichen an einem Haus dieser Altersklasse zu erwartenden Schäden fällt an diesem Gebäude eine gravierende Schiefstellung auf.
Für den Schiefstand bzw. Überhang von ca. 40 cm auf knapp 4 m Wandhöhe sind zwei wesentliche Ursachen auszumachen.
Auf der Westseite sind unter den Umgebindeständern keine Fundamentierungen mit Steinpostamenten analog der Nord- und Ostseite zu finden, das hat dazu geführt, dass die geschoßtragenden Ständer direkt auf dem Erdreich stehen und von unten her in Folge der eindringenden und aufsteigenden Feuchtigkeit verrotten und immer kürzer werden; auf der Ostseite stehen die Ständer auf offensichtlich gut gegründeten Sandstein-postamenten. Das Bauwerk neigt sich deswegen wie um ein Gelenk immer weiter nach Westen.
Die allmähliche Entfestigung von Hölzern und Knotenpunkten durch die ständige Bewitterung an der Westseite, insbesondere der Nordwestecke verstärkte den Vorgang der „Schieflage“ noch.

Durch die Setzungen auf der Westseite mit der fehlenden wirksamen Ablastung über die Ständer hat sich die Gebäudelast mittlerweile auf die Decke und die Wand der Blockstube verlagert. Die Stubenwand die nicht zur Aufnahme größerer Vertikallasten konzipiert ist weist deswegen eine starke Verformung und Materialquetschungen mit Ausbauchungen nach Innen auf.
Nachdem sich die Schiefstellung sehr stark entwickelt hat sind auch auf der Ostseite Folgeschäden entstanden, insbesondere dadurch, dass Regenwasser auf die Fassade trifft weil der Dachüberstand die Schieflage nicht mehr überragt und überdies leider auch die Dachrinnen beschädigt sind.


Struktur - Entwurfskizze: Grundriss EG (links) mit den beiden Stuben, im bisher als Stall und Werkstatt genutzten Schleppdachanbau kann eine funktionale und gut belichtete Küche positioniert werden. Im Querschnitt (rechts) ist die nach oben offene Küche im Anbau zu sehen, mit freiem Blick auf das Kerngefüge. Frei ins Dach ist der Badraum gestellt dieser ist von unten über die Flurtreppe erschlossen


Instandsetzung und Restaurierung / denkmalpflegerische Ziele

Fehlende und zerstörte Konstruktionsteile werden nach Befund bzw. baugleich ergänzt; alle anderen Schäden an den Gefügehölzern werden durch Verstärkungen, Anblattungen, Festigungen und andere geeignete und erprobte Ertüchtigungen repariert, lediglich unrettbare Bauteile sollen ausgewechselt werden.

Das Dach muss im Zuge der Holzkonstruktionssanierung komplett umgedeckt werden. Die anstelle des Strohdaches ab 1911 aufgebrachte Biberschwanzdeckung soll auch weiterhin Verwendung finden, jedoch muss die Dachkonstruktion eine sekundäre Verstärkung erhalten, da die vorhandene Konstruktion auf ein vom Gewicht leichteres Strohdach ausgelegt ist.

Ziel der generellen Sanierung ist die Konservierung des Schiefstandes, da das Gebäude in seiner mittlerweile gewohnten Schieflage schon einen gewissen "Wahrzeichencharakter" inne hat.
Eine Rückverformung würde auch weitere Substanzverluste bedeuten.
Ob mit der Reparatur des vorhandenen Gefüges eine Stabilisierung der Schräglage zu erreichen ist oder ob eine sekundäre und additive Hilfskonstruktion notwendig ist müssen die weiteren Untersuchungen und Planungen noch klären.

Der sehr stark geschädigte Schleppdachanbau muss weitgehend neu errichtet werden, dabei ist vorgesehen, diesen Anbau ohne Decke über dem Erdgeschoss zu errichten, so dass die im Bereich des Anbaues erhaltene Langständerkonstruktion mit Kreuzstreben über beide Geschosse Erlebbar wird.

Ansonsten sind lediglich kleinere Korrekturen des Grundrisses im Flurbereich des Obergeschosses vorgesehen um den ehemaligen Flurküchencharakter und im Allgemeinen die ursprünglich klare 3-zonige Hauseinteilung wieder zu erlangen.

Die Wiederherstellung der alten Farbgebung entsprechend der vorhandenen Befunde soll ebenfalls Ziel der Restaurierung sein. Nach derzeitigem Erkenntnisstand ist der Kernbau weitgehend Naturholzsichtig mit Putzen in den Färbungen der entsprechend verwendeten Sande gewesen; ab dem frühen 19. Jh. treten auf dem Holzwerk rote Anstriche und auf den Gefachen hauptsächlich blaue Farben, später Ockertöne auf.


Nutzungskonzept

Angestrebt wird eine halböffentliche Nutzung mit Besichtigungs- und Informationsmöglichkeit zum Thema Reparatur, Sicherung und Restaurierung von Umgebindehäusern und historischen Holzkonstruktionen und Bauwerken im Allgemeinen.

Aus dem desolaten, bis vor Monaten noch „todgeweihten“ Haus soll ein veritables Musterhaus werden.
Die Restaurierung wird als Wohnhaus ( Einfamilienhaus ) konzipiert mit Wohnen, Küche, Essen im Erdgeschoss und Schlafräumen im Obergeschoss, Das Dachgeschoss erhält einen eingestellten solitären „Container“ der dann die neuen Funktionen wie Bad/WC aufnimmt, die Dachkonstruktion und die Dachflächen selbst bleiben unberührt.

In diesem Haus sollen sich Baugeschichte, die Patina der Jahrhunderte und moderne Zutaten auf Augenhöhe begegnen.

Die Konzeption sieht jedoch keine ständige Bewohnung vor, sondern vielmehr soll das Haus als Sanierungsbeispiel dienen, wobei dann die eigentlichen Wohnstuben im Erdgeschoss als Cafestuben und kleine Ausstellungsbereiche dienen sollen, die Wohnungsküche kann in diesem Falle alternativ als Theke/Anrichte dienen, ergänzend für diese Kombinationsnutzung können in einer kleinen Abstellkammer hinter der jüngeren Stube zusätzliche Toiletten eingerichtet werden.
Das Obergeschoss kann dann je nach Bedarf als Gästezimmer/Wohraum, Ausstellungslocation oder auch mal als temporäres Arbeitszimmer genutzt werden.



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